Tracht

karl_wilmaklZur Gruppenkleidung: Da keines der in Trachtenmappen für unsere Gegend dargestellten Dirndlkleider mit Dokumentationsmaterial belegt werden kann, haben wir begonnen, die ältesten Dorfbewohner (teilweise über 90 Jahre alt) zu befragen, ob ihre Großmütter ein "Dirndl" getragen hätten. Die Antwort war einstimmig nein.  Naheliegend war eine Tracht zu rekonstruieren, an die sich noch jemand erinnert und die mit Material belegt werden kann. Somit landet man in der Zeit um 1880. Übrigens auch die Zeitepoche, die das Museumsdorf Niedersulz darstellt.... Alte Leute haben diese Tracht teilweise bis in die 1940er beibehalten. An diese Zeit können sich eben noch viele Menschen erinnern. So haben wir begonnen, Fotos und Originalkleidungsstücke aufzutreiben. Mit diesem Material sind wir  zu Frau Dr. Tostmann nach Wien gefahren. Gemeinsam haben wir dann die Damenkleidung getreu der Vorlagen erarbeitet. Für die Tänzer war und ist es etwas einfacher: das "Fiata" und der "Huit" der älteren Herren ist noch den meisten Weinviertlern geläufig. Wir haben in Tschechien eine Weberei ausfindig gemacht, die uns Stoff für Hose und Gilet in Anlehnung an den guten alten "Strux" gewebt hat.

Die Stumpen für die Hüte mußten wir aus Portugal importieren, da in Österreich kaum mehr Rohmaterial für Hüte produziert wird – schon gar nicht der früher beliebte "Plüsch" (ein Veloursfilz). Auch hier haben wir uns an die alten Fotos und Originalstücke gehalten. Die Tanzstiefel wurden in Polen nach Maß angefertigt.

Unser Anliegen ist es - natürlich neben dem Spaß am Tanzen - unsere Regionaltradition zu beleben und zu pflegen und hoffentlich in vielen Weinviertlern das Bewußtsein zu wecken, daß auch wir eine ganz eigene (Trachten-) Tradition haben auf die man stolz sein kann - auch wenn es sich nicht um Dirndl und Lederhose der Gebirgsregionen handelt.


Die Frauentracht

Welche Kleidung haben unsere Großeltern bzw. Urgroßeltern vor hundert Jahren getragen?

Diese Frage stellten wir uns, als wir im Herbst 2003 begonnen haben, über eine Gruppenkleidung nachzudenken.



Frauentracht im Alltaggrossmutterkl

Es werden zwar mehrere Dirndlmodelle in den niederösterreichischen Trachtenmappen für das östliche Weinviertel vorgeschlagen, wir konnten aber bis heute keinerlei Belege bzw. Originalstücke finden. So beschlossen wir, uns soweit in die Vergangenheit „zurückzutasten“, als wir Informationen erhalten können. Die ältesten Dorfbewohner (teilweise über 90 Jahre alt) wurden befragt, welche Kleidung deren Großmütter trugen; alte Fotos wurden gesammelt und gesichtet – und so konnten wir die Zeit zurück bis ca. 1880 beleuchten.



Tracht zeigt immer die Mode einer (vergangenen) Zeit – daher tragen auch fast alle Frauen auf den alten Fotos nahezu die gleichen Kleidungsstücke:



bluse_hintenklEine Bluse als Oberteil aus verschiedenen Stoffmustern: Blaudruck, Karo, Blümchen-muster… Die Blusen sind vorne einreihig oder doppelreihig mit Perlmuttknöpfen verschlossen und wurden mit kleinem Steh- oder Umlegekragen gefertigt. Oft wurden Samtbänder oder andere schmale Borten als Verzierung aufgenäht. Die Ärmel sind als „Keulenärmel“ ausgefertigt und wurden bei der Arbeit oder an warmen Tagen bis über den Ellbogen hochgeschoben. Manchmal wurde die Bluse im Rückenteil aus dem Rockbund gezogen, um den Eindruck eines „Schösschens“ zu erzeugen.



Die modischere Bluse löste das sogenannte „Schösslfrackl“ ab, eine eher eng anliegende Jacke, die bis zum Hals geschlossen war und mit zuerst langen, später kürzeren Schössen ausgestattet war.



 

Der Rock („Kidl“) ist in Bahnen geschnitten und am Bund lediglich auf ein Band gereiht: so konnte man die Weite ganz leicht regulieren. Auch hier sind versch.spenzer_hintenkl Stoffmuster anzutreffen: Blaudruck, einfärbig, gestreift, aber von einfachster Machart – ohne Biesen oder Borten.



Die Schürze als Halbschürze („Fiata“) wurde alltags immer getragen, war glatt gehalten und meist aus Leinen oder auch Baumwollgradl hergestellt: einfärbig weiß oder blau, gestreift, getupft, mit Blumenranken. Das Motto für die Alltagskleidung überhaupt:“Man nehme was man hat oder bekommt…“ Das Fiata war oft so breit, dass sich die beiden oberen Ecken im Rücken trafen und wurde dann als sogenanntes „Ohrwaschlfiata“ (d.h. beidseitig werden die äußeren 10 cm Schürzenstoff nicht an das Köperband genäht und hängen herab = „Ohrwaschl“) gefertigt. Interessant ist, dass zu bestimmten Arbeiten bei Männern wie Frauen ausschließlich ein weißes Fiata vorgesehen war. Schmale Schürzen galten zu der genannten Zeit sehr modisch, konnten bei der Arbeit aber nicht gebraucht werden. Bei „schmutzigeren“ Arbeiten wurde ein „Schurz“ getragen, also eine Latzschürze, die auch dasspenzer_vornekl Oberteil schützt.



Der Unterrock („Untakidl“): war in der kälteren Jahreszeit die einzige Möglichkeit, sich wärmer anzuziehen. Je kälter es wurde, desto mehr Unterröcke wurden übereinander getragen. War es im Sommer vielleicht nur ein Baumwoll-Unterrock, so konnten im Winter noch zwei bis drei Flanell- oder Barchent-Unterröcke dazukommen. Letztgenannte wurden oft aus feuerrotem Stoff genäht.

Da man über die vielen Unterröcke keinen Mantel anziehen konnte, schützte man sich im Winter mit einem sehr großen „Umhängtuich“ (schwarz, braun oder eingewebtes großes Paisley-Muster in gedeckten Farben) gegen die Kälte. Dieses Tuch wurde zum Dreieck zusammengelegt umgehängt, die Zipfel vorne überkreuzt und im Rücken zusammengebunden. Dieses Tuch konnte auch über den Kopf gelegt werden, sodass es Kopf, Hals, Brust, Arme und Rücken zugleich wärmen konnte.



versch_stutzenklAls Fußbekleidung wurden zum Ausgehen geschnürte Stiefeletten getragen. Sonst trug man oft Holzschlapfen („Schloaka“) oder ging im Sommer barfuß.



 

 

Ohne Kopftuch aus hellgrundiger oder weißer Baumwolle konnte „man“ das Haus nicht verlassen. Früher (1860, 1870) wurde das Tuch im Nacken gebunden, später unter dem Kinn; wobei darauf geachtet wurde, dass sich über der Stirn eine Kante bildete und links und rechts je eine schöne Falte über die Wangen verlief. Die älteren Damen unseres Ortes verlassen auch heute das Haus ohne ein solcherart gebundenes Kopftuch nicht (selbst wenn man nur zur Nachbarin auf einen Plausch geht).



Als „Gugl“ bezeichnet man das Kopftuch, wenn im Sommer ein Stück weicher Karton („Pappendeckel“) eingelegt wurde, sodass man das Tuch schirmartig guglklüber die Stirn ziehen konnte und das Gesicht beschattet war. Oft wurde links und rechts in Ohrnähe je ein Stück Köperband innen an den Tuchstoff genäht: so konnte man das Tuch mit den dünnen Bändern unter dem Kinn zusammenhalten und musste bei Hitze nicht die Tuchzipfel binden.



Aus den gerade beschriebenen Kleidungsstücken erarbeiteten wir mithilfe von Frau Dr. Tostmann „unsere Frauentracht“. Um einen ruhigen optischen Gruppeneindruck zu erzielen, wählten wir Blaudrucke in verschiedensten Mustern. Jede Tänzerin suchte sich „ihre“ Lieblingsmuster aus – Oberteil und Rock möglichst nicht gleich, um den Mustermix der Alltagskleidung damals wiederzugeben. Der Rock wurde nach Originalvorlage genäht: Stoffbahnen, die nur auf ein Köperband gezogen werden, der Großteil des Stoffes wird in die Rückenpartie geschoben, vorne bleibt der Rock möglichst glatt. Dies entspricht der damaligen städtischen Mode („Cul de Paris“), die in sehr abgeschwächter Form auch ländliche Gebiete erreicht hat. Die Rockbahnen wurden glockig zugeschnitten – ein Zugeständnis an den besseren Fall des Stoffes beim Tanzen. Den Innensaum ziert ein ca. 15 cm breiter knallroter Stoffstreifen („Kidlblech“), der beim Tanzen hervorblitzt und auf die gerne getragenen roten Unterröcke anspielen soll.
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Das Oberteil wurde als Mischung aus Bluse und dem Schösslfrackl (s.o.) genäht. Damit das Schösschen gut sitzt, wird (wie bei einem Originalstück) der Rückenteil vorne in Taillenhöhe mittels Köperband (links und rechts in der Seitennaht angebracht) unsichtbar fixiert. Die Schürze wurde aus hellem Naturleinen hergestellt. Sie ist als „Ausgehschürze“ ausgefallen, also modisch schmal und glatt gehalten – zum Tanz macht man sich gerne etwas „fein“! Die Schürzenbänder in Taillenweite werden mittels Knopf unter dem Schösschen verschlossen. Wir tragen ein weißgrundig-rotgemustertes Kopftuch im Nacken gebunden. Geschnürte schwarze Tanzstiefeletten aus weichem Leder machen die Kleidung komplett.

 

 

 

 

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